Leben in Aach

Studie "Leben in Aach"

Grundinformationen zum Projekt Aach

Dorfgemeinschaft im 21. Jahrhundert: Auslaufmodell oder Perspektive für die Zukunft? - das sogenannte „Aacher Projekt“

Worum geht es?

In Deutschland leben ca. 75% der Bevölkerung in einer Stadt oder Stadtregion. Dauerhaft auf dem Land lebende Menschen gehören inzwischen also zu einer Minderheit. Das dörfliche Leben auf dem Land – über weite Phasen der Geschichte die dominante Lebensweise in allen Gesellschaften – unterscheidet sich in vielen seiner Facetten erheblich von dem in Städten. Zudem können sich urban sozialisierte Menschen ein „rural life“ vielfach nicht einmal vorstellen und fragen sich, wieso dort überhaupt noch jemand lebt. Entsprechend wurde in der öffentlichen und auch in der wissenschaftlichen Diskussion in den letzten Jahren das Land unter Stichworten wie Landflucht, verödete und überalterte Dörfer oder Verfall der Infrastruktur vor allem als defizitäre Kategorie behandelt. Und in der Tat gibt es all diese (und weitere) Probleme und einige davon werden sich im Zuge des demographischen Wandels noch verstärken. Andererseits gibt es eben aber auch weiterhin Menschen, die nicht nur auf dem Land leben müssen, sondern dort auch leben wollen. Zudem weist das Land durchaus nicht nur Defizite auf, sondern hebt sich in manchen Aspekten positiv vom Leben in der Stadt ab: Dörfliche Gemeinschaften sind sozial häufig erstaunlich gut integriert und verfügen über eine Vielzahl von gemeinschafts- und zugehörigkeitsstiftenden Angeboten und Strukturen, die von lokalen Brauchformen über unterschiedliche Vereine bis zu kirchlichen Institutionen reichen. Interessant ist dabei auch die Funktion und Bedeutung der Familie als Sozialisationsinstanz und lebenslanges Unterstützungsnetzwerk. Zwar finden sich auch auf dem Land mittlerweile kaum noch „klassische“ Mehrgenerationenhäuser, stark verbreitet sind aber sog. multilokale Wohnformen: verschiedene Generationen wohnen in erreichbarer Nähe. Die soziale und die räumliche Distanz zwischen den Generationen ist dort sehr gering.

Warum ist das so? Wie entstehen diese dörflichen Gemeinschaften, wie reproduzieren sie sich und welche Zukunftsperspektiven werden mit ihnen verbunden? Warum wollen Menschen dort leben, warum leben sie gerne dort? Wie leben sie überhaupt? Wie reagieren sie auf Versorgungs- und Infrastrukturdefizite, die es auf dem Land gibt? In welcher Art und Weise sind sie mit dem Ort verwurzelt. Identifizieren sie sich mit ihm im Sinne einer „Beheimatung“? Schöpfen die Bewohner aus dem Leben und Zusammenleben in der örtlichen Gemeinschaft auch Sinn für ihr eigenes Dasein. Lassen sich aus den Antworten auf diese Fragen auch Empfehlungen zur Verbesserung der dörflichen Infrastruktur, des sozialen Miteinanders und der Ortsbindung ableiten?

Diese und weitere Fragen sollen in dem Forschungsvorhaben exemplarisch am Beispiel von Aach im Landkreis Trier-Saarburg untersucht werden.

  • Vorarbeiten und Kooperationen

    Leider sind diese Fragen von der sozialwissenschaftlichen Forschung bislang eher stiefmütterlich behandelt worden. Die Soziologie ist seit ihrer Entstehung und Etablierung primär städtisch orientiert und geprägt, zentrale Begriffe, Ansätze und Konzepte sind in städtischen Kontexten entwickelt worden und beziehen sich auch auf diese. Das „Land“ und dörfliche Formen des Zusammenlebens waren Nischenthemen, die sich nur marginaler Aufmerksamkeit erfreuten.

    Diese Situation hat sich erst in den letzten Jahren vor dem Hintergrund des demographischen Wandels und der damit verbunden Probleme gerade für den ländlichen Raum geändert. Dabei hat allerdings die Soziologie in Trier eine gewisse Pionierrolle übernommen, weil das Fach seit Gründung der Universität immer schon auch kleinräumige siedlungssoziologische Forschungen in der Region durchgeführt hat. Das geplante Projekt steht damit zum einen im Kontext von sozial-räumlichen Forschungen, die im Fach Soziologie seit  vielen Jahren durchgeführt werden. Zum anderen knüpft es an ein aktuelles Forschungs- und Aktionsprogramms zum Leben auf dem Land und der regionalen Daseinsvorsorge (MORO) an, das vom Landkreis Trier-Saarburg initiiert wurde und an dem das Fach Soziologie ebenfalls beteiligt ist.

    Eine genauere Analyse der Lebensbedingungen in ländlichen Regionen ist gerade für Rheinland-Pfalz von Bedeutung, weil wir hier noch vergleichsweise viele ländliche Regionen haben und auch die Region Trier nicht zu den Agglomerationsräumen in Deutschland gehört. Wir haben dazu einen umfangreichen Bericht – basierend auf einem quantitativen Lebensqualitätssurvey und einer Sekundäranalyse zur Sozial- und Wirtschaftsstruktur in den Verbandsgemeinden des Kreises – im August abgeschlossen und dem Kreistag vorgelegt. Die Erkenntnisse dieser Untersuchung – wie auch Erkenntnisse aus anderen exemplarischen Gemeindestudien, die der Fachbereich Soziologie der Universität Trier in der Region durchgeführt hat– etwa in Waldrach oder Langsur – werden in die nun geplante Studie bei der Auswahl von Themen sowie der Formulierung von Forschungsfragen und Untersuchungsmethoden einfließen. So hat sich z.B. gezeigt, dass die subjektive Lebensqualität auf dem Land am höchsten ist bei Menschen, die multilokale Wohnformen in dem oben beschriebenen Sinn praktizieren, bei Familien in Mehrgenerationenhäusern ist sie dagegen niedriger. Deshalb soll der Aspekt des Wohnens in der Gemeindestudie Aach eine besondere Hervorhebung erfahren.

  • Religions- und Sinnfragen

    Eine weitere Schwerpunktsetzung bezieht sich auf Religions- und Sinnfragen. Auch mit Bezug zur geplanten Synode im Bistum Trier wird in der Studie Zusammenhängen und Wechselwirkungen zwischen den Aspekten „Lebensstile – Lebensziele – Lebenssinn“ eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Aus einer eher religionssoziologischen und pastoraltheologischen Perspektive sollen dabei folgende Themenfelder und Fragestellungen näher untersucht werden:

    1. Wie ausgeprägt ist das bürgerschaftliche Engagement, die Solidarität und die Gemeinwohlorientierung in Aach. Welche leitenden Motive liegen dem Handeln zugrunde? Wie weit wird dieses Engagement als kirchlich-caritatives Handeln von außen wahrgenommen und im Binnenbereich bilanziert? Wie weit korrelieren Kirchlichkeit, Religiosität, Spiritualität und Gemeinwohlorientierung?
    2. Kann man in Aach Prozesse der „Deinstitionalisierung“ von Religion beobachten, die sich an neuen religioiden Expressionsformen festmachen lassen (Individualisierung, Collagierung, Eventisierung, Spiritualisierung, Ästhetisierung). Welche Erwartungen haben gerade junge Menschen an eine „lebendige Kirche“?
    3. Werden Brauchtum und kulturelles Leben in Aach gepflegt? Wie weit trägt die katholische Kirche institutionell und wie weit tragen kirchlich gebundene Menschen zum kulturellen Leben bei und sehen in diesem Engagement einen Ausdruck ihres Glaubens?
    4. Wie weit gelingt die Integration von Fremden, vor allem von Menschen mit Migrationshintergrund? Verhalten sich kirchlich gebundene Bewohner/innen bei der Integration von Neubürgern anders als Menschen ohne eine religiös-kirchliche Beheimatung?
  • Gründe für die Auswahl des Projektortes Aach

    • Die ländliche Prägung des Ortes. Aach ist damit repräsentativ für die ländliche Struktur des Bistums Trier.
    • Die Größe des Ortes, da sie mit ca. 1.100 Einwohnern für eine Untersuchung gut handhabbar ist. Sie ist gut vergleichbar mit vielen anderen Orten im Bistum Trier.
    • Aach verfügt mit der Jugendhilfeeinrichtung „Haus auf dem Wehrborn“, zu der auch eine sehr große Kindertagesstätte gehört, über zwei wichtige und  relevante Institutionen. Das Einbeziehen dieser Institutionen kann aufgrund ihrer „Klientel“ helfen, nichtbinnenkirchliche Standorte zu berücksichtigen.
    • Die Menschen in Aach machen (auf unterschiedliche Weise) die Erfahrung eines gravierenden Umbruchs in der Seelsorge. Von diesen Erfahrungen sind viele Gemeinden im Bistum Trier nach der Neustrukturierung der pastoralen Räume betroffen.
    • Das Projekt könnte an das bereits bestehende Dorfentwicklungsprojekt anknüpfen.
  • Soziologischer Hintergrund & Methodik

    Der theoretische Rahmen der Untersuchung ist breit angelegt. Zu nennen sind hier neben klassischen Abhandlungen über „Gemeinschaft und Gesellschaft“ die soziologische Sozialindikatoren- und Lebensqualitätsforschung, die Familien- und Gruppensoziologie,  Ansätze aus der Siedlungssoziologie und Netzwerkforschung sowie Theorien aus der älteren und neueren Religionssoziologie.

    Methodik

    Um die Forschungsfragen zu beantworten, bedarf es eines breiteren methodischen Ansatzes. Dabei verfolgen wir grundsätzlich den Ansatz einer möglichst umfassenden Einbindung der Einwohner vor Ort. Für Haushaltsbefragungen bedeutet dies, dass sich nach Möglichkeit auch alle Haushalte und alle Haushaltsmitglieder ab 14 Jahren an diesen Befragungen beteiligen (Design: Vollerhebung). Da wir eine sehr vielschichtige Analyse anstreben, soll ein breites Themenspektrum angesprochen werden, das die folgenden Bereiche abdeckt:

    • Gemeinschaft (Familie, Freunde, Nachbarschaft, Vereine, Netzwerke);
    • Wohnen und Multilokalität (incl. Wohnformen im Alter);
    • Arbeit und Mobilität (Berufspendler sowie neue, gemeinschaftlich und bedarfsorientierte Mobilitätsformen);
    • Freizeit, Erholung, Spaß;
    • Gesundheit, Krankheit, Pflege;
    • Sinngebung und Religiosität.

    Fragen dazu lassen sich nicht in einer einzigen Erhebung stellen (oder wenn doch, dann nur um den Preis extremer Oberflächlichkeit). Wir planen deshalb 4 Befragungswellen zu verschiedenen Themen (Panel-Design), die – beginnend ab Ende Januar – im Monatsrhythmus durchgeführt werden. Das Verfahren dazu wird ein sogenanntes Mixed-Mode-Verfahren sein: Jede Zielperson erhält jeweils einen schriftlichen Fragebogen, wir bieten aber auch die Möglichkeit, die Fragen online über das Internet auszufüllen.

  • Zum Zusammenhang der Befragungswellen

    Die Sinnthematik ist forschungslogisch als eine eigene Erhebungsphase/Panel-Welle ausgewiesen. Inhaltlich handelt es sich aber um eine Querschnittsfragestellung, die alle anderen Themenfelder / Panelwellen tangiert. Die Untersuchung geht davon aus, dass es keine „sinnfreien Alltagsräume“ gibt, wohl aber unterschiedliche Sinnmuster im profanen und sakralen Bereich. Abgrenzungen, Korrespondenzen, Wechselwirkungen zwischen diesen sinnspezifischen Lebenssphären, wie sie für “Multioptionsgesellschaften“ als konstitutiv erachtet werden, gilt es aufzudecken. Vermutet wird, dass für den ländlichen Raum eigene „Sinnwelten“ bezeichnend sind.

    In diesem Zusammenhang kann eine quantitative Untersuchung bereits interessante Einblicke ermöglichen, welche Sinnzuschreibungen Menschen unter bestimmten Lebensbedingungen vornehmen.

    Auch aus pastoraltheologischer Sicht ist eine Querverbindung zwischen den einzelnen Themenbereichen anzunehmen:

    Im Themenbereich „Gemeinschaft“ mit den genannten Facetten dürfte sich  Sinnsuche als Frage von Zugehörigkeit und Verbundenheit zeigen. Die Frage nach dem „eigenen Platz in der Welt“ ist auch eine theologisch-spirituelle Frage .

    Das Thema „Gesundheit, Krankheit, Pflege“ berührt die Fragen menschlicher Endlichkeit und Abhängigkeit. Aspekte der Sinnsuche können möglicherweise auch im  Bereich „Freizeit, Erholung, Spaß“ verortet werden. Des Weiteren ist Arbeit mit der Frage des Lebenssinnes verbunden und kann als sinnstiftend erlebt werden oder auch nicht.

  • Feldarbeit / Verwendung der Ergebnisse

    Feldarbeit

    Grundgesamtheit und Zielgruppe für die Befragung ist die Bevölkerung in Aach ab 14 Jahre. Angestrebt wird, wie bereits erwähnt, eine Vollerhebung mit 4 Befragungswellen (Panel) im Mixed-Mode-Design (schriftlich oder online). Zur Erhöhung der Ausschöpfungsquote und Akzeptanz der Befragung werden flankierend in Aach ab Januar 2014 Informationsveranstaltungen durchgeführt, die die Bevölkerung über das Projekt informieren sollen.

    Die Fragebögen werden von Studenten und/oder Mitgliedern des Dorfvereins in die Haushalte verteilt. Zudem werden in Aach an zentralen Stellen Sammelbehälter für den Rücklauf aufgestellt, die ebenfalls von Studenten geleert werden. Die Studenten übernehmen auch die Datenerfassung. Parallel dazu besteht auch die Möglichkeit, die Fragebögen online auszufüllen, wofür verstärkt geworben wird, da diese Variante methodische und finanzielle Vorteile hat.

    Die Datenaufbereitung und -analyse wird von Mitarbeitern des Faches Soziologie der Universität Trier übernommen.

    Verwendung der Ergebnisse

    Die Studie steht auch in der Tradition anwendungsorientierter Forschung, d.h. die Ergebnisse dienen als Basis für konkrete Maßnahmen. Sämtliche Ergebnisse, inklusive auch der von uns aus diesen Ergebnissen abgeleiteten Empfehlungen, stehen den Geld- und Auftraggebern uneingeschränkt zur Verfügung.

    Aus der Studie werden sich wahrscheinlich sozialräumlich orientierte pastorale Projekte mit diakonischer Ausrichtung ergeben, vermutlich schwerpunktmäßig in den Bereichen von Familienpastoral, Jugendarbeit und Bildungsarbeit. Es wird darum gehen, hier innovative gemeinschaftsförderliche Projekte gemeinsam mit den Menschen vor Ort zu entwickeln. Im Zusammenhang der „Sinnperspektive“ ist es ein Ziel , Räume des Austauschs und der Begegnung zu schaffen ,in denen unterschiedliche Sinnperspektiven kommuniziert und miteinander ins Gespräch gebracht werden können. Die hauptamtlichen Beteiligten und die christliche Gemeinde vor Ort stehen dabei für christliche Sinnperspektiven.